6. Rolle wissenschaftlicher Erkenntnisse und künstlerischer Praxis im gesellschaftlichen Diskurs
Erkenntnisse aus Wissenschaft und künstlerischer Praxis bilden eine zentrale Grundlage für informierte gesellschaftliche und politische Entscheidungen. Gleichzeitig zeigt sich im gesellschaftlichen und politischen Diskurs zunehmend Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Expertise.
Der gesellschaftliche Diskurs ist im Wandel. In Zeiten komplexer Problemlagen, für die einfache Lösungen erwartet werden, ist es die Aufgabe von Wissenschaft, diese Probleme in ihrer Komplexität aufzuzeigen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Wie stehen Sie zur Rolle von wissenschaftlichen Erkenntnissen jeder Art und wie sichern Sie sie ab? Woran können wir dies in der nächsten Legislatur messen? Wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es nicht zum Selbstzweck. Wie will Ihre Partei die vorhandene wissenschaftliche Expertise in politische Entscheidungsprozesse einbeziehen?
Der beste Weg, um Hochschulen als Orte der freien Erkenntnisgewinnung zu schützen und zu bewahren, ist eine gesicherte langfristige Globalsummenfinanzierung.
Natürlich muss die Politik im Vorfeld politischer Entscheidungen eine Abwägung relevanter Argumente und Stellungnahmen aus der Wissenschaft vornehmen – über Anhörungen, Expertenkommissionen und direkten Austausch. Dies ist für eine wissensbasierte Politik unerlässlich. Dabei kann es aber keine Automatismen für vermeintliche Sachzwänge geben. Entschieden werden muss letztlich durch die demokratisch legitimierten Gremien unter Abwägung der verschiedenen Interessen und Blickwinkel. Stets gilt es zu berücksichtigen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich vorläufig sind und fortlaufend überprüft, weiterentwickelt und gegebenenfalls revidiert werden. Ein dogmatischer Szientismus („Follow the Science“) wäre deshalb völlig fehl am Platze.
Jede Wissenschaftspolitik muss darüber hinaus in Rechnung stellen, dass Wissenschaft nicht nur der unmittelbaren Lösung praktischer Probleme dient, sondern auch dem grundlegenden Erkenntnisgewinn über Mensch, Natur, Gesellschaft und Kultur. Deshalb bedarf es der Bewahrung von Freiräumen für Wissenschaft als Selbstzweck – beispielsweise als Grundlagenforschung. Nicht selten entstehen daraus resultierende praktisch umsetzbare Erkenntnisgewinne dann zu einem späteren Zeitpunkt oder in anderem Zusammenhang.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und künstlerische Praxis sind für uns Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung braucht Politik evidenzbasierte Entscheidungen statt vermeintlich einfacher Antworten. Deshalb setzen wir auf einen transparenten Dialog auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft, Kultur und Politik. Wissenschaftliche Expertise ist in unserer Stadt durch 13 Hochschulen und über 70 außeruniversitären Forschungseinrichtungen einzigartig stark vertreten. Wir stehen für Dialog auf Augenhöhe zwischen dem Land Berlin und allen Akteur*innen der Berliner Wissenschaftslandschaft und eine planungssichere Finanzierung für Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind eine unverzichtbare Grundlage verantwortungsvoller Politik. Gerade in Zeiten wachsender Komplexität und gesellschaftlicher Polarisierung müssen politische Entscheidungen auf belastbaren Daten, Forschungsergebnissen und nachvollziehbaren Analysen beruhen. Wissenschaft hat die Aufgabe, Zusammenhänge zu erklären, Komplexität sichtbar zu machen und mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Politik wiederum trägt die Verantwortung, daraus tragfähige und ausgewogene Entscheidungen abzuleiten.
Wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen wir nicht als Selbstzweck. Forschung und wissenschaftliche Expertise leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, gesellschaftliche Herausforderungen besser zu verstehen, Innovationen zu ermöglichen und konkrete Verbesserungen im Alltag der Menschen zu erreichen. Deshalb wollen wir die Verbindung zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik weiter stärken. Bereits heute zeigt sich dieser Ansatz in Formaten wie dem Hitzeaktionsplan, dem Expertenkreis politischer Islamismus oder interdisziplinären Evaluationsgremien, in denen wissenschaftliche Expertise gezielt in politische Prozesse eingebunden wird.
Für die Zukunft ist unser Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse noch systematischer und frühzeitiger in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Wir stehen für eine evidenzbasierte Politik, die wissenschaftliche Expertise nicht nur punktuell einholt, sondern kontinuierlich berücksichtigt. Dazu setzen wir auf wissenschaftliche Fachdialoge, Expertenräte, Reallabore und Transferformate, die den Austausch zwischen Forschung, Politik und Praxis stärken und dazu beitragen, Erkenntnisse schneller in konkrete Maßnahmen zu überführen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und künstlerische Perspektiven sind Grundlagen für eine demokratische und zukunftsorientierte Gesellschaft. Politische Entscheidungen sollten sich an überprüfbaren Erkenntnissen orientieren und gleichzeitig gesellschaftliche Debatten offen führen.
Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung ist es wichtig, wissenschaftliche Prozesse transparent zu machen und Wissenschaftsfreiheit konsequent zu schützen. Wissenschaft lebt vom offenen Diskurs, von Kritik und von nachvollziehbaren Methoden. Ebenso leisten Kunst und Kultur einen wichtigen Beitrag dazu, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren und neue Perspektiven sichtbar zu machen.
In der nächsten Legislatur wollen wir dies unter anderem durch eine verlässliche Forschungsförderung, die Stärkung unabhängiger wissenschaftlicher Institutionen, bessere Wissenschaftskommunikation sowie den Ausbau und Beteiligungsformaten absichern. Wir wollen OpenScience durch gezielte Förderung weiter ausbauen und Forschende und Lehrende stärker dabei unterstützen, ihre Ergebnisse der Allgemeinheit im Sinne von OpenResearch und OpenAccess zur Verfügung zu stellen sowie hierzu entsprechende gesetzliche Vorgaben umsetzen.
Messbar wird dies beispielsweise an der Entwicklung öffentlicher Ausgaben für Wissenschaft und Forschung, transparenten Beteiligungsverfahren wissenschaftlicher Expertise sowie dem Ausbau niedrigschwelliger Vermittlungsangebote zwischen Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft.
Auch die beste Idee verändert die Welt nicht, wenn sie im Labor bleibt. Deshalb stärken wir Transfer und den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wir fördern den Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen und Bürgerinnen und bauen Wissenschaftskommunikation über Formate wie Lange Nacht der Wissenschaften, Berlin Science Week, Falling Walls Summit und World Health Summit weiter aus – in der Stadt, in Europa und weltweit. Mit einem einheitlichen Berliner IPRahmen vereinfachen wir Ausgründungen, stärken Transfer Offices und schaffen klare Regeln, damit Einrichtungen von erfolgreichen Gründungen profitieren können. Gemeinsam mit den Hochschulen verankern wir Transferleistungen messbar in der Bewertung wissenschaftlicher Karrieren und ermöglichen Gründungs- und Transferfreisemester. JUNI als Startup Factory und weitere Maßnahmen zur internationalen Kooperation, Finanzierung und Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen stärken wir. Gemeinschaftsinitiativen von Wissenschaft und Wirtschaft fördern wir, etwa das Berlin Center for Gene and Cell Therapies oder das Werner von Siemens Centre for Industry and Science. Darüber hinaus sind wissenschaftliche Beiräte themenspezifisch an einzelne Senatsverwaltungen angegliedert und werden im parlamentarischen Prozess etwa im Rahmen von Anhörungen eng einbezogen.
